Die Abformung von Körpern oder Körperteilen (franz. moulage sur nature bzw. moulage sur le viv – die Abformung nach der Natur/ nach dem Leben) ist eine kulturelle und künstlerische Praxis, die epochen- und medienübergreifend künstlerische Formprozesse mehr oder weniger subtil prägt. Das Seminar wirft eine historische Perspektive auf Anwendungsgebiete, Entwicklungsformen und Semantiken der Körperabformung bis in die Kunst der Gegenwart mit Positionen wie Marcel Duchamp, Duane Hanson, Bruce Nauman, Alina Szapocnznikow, Berlinde De Bruyckere und Ken Sortais anhand konkreter Werkanalysen sowie sie begleitender Diskurse. Darüber hinaus besteht Raum für Studierende, eigenständig künstlerische Positionen oder eigene künstlerische Projekte zu diskutieren, in denen Kontexte der Körperabformung eine Rolle spielen.
Die Geschichte der Abformung ist doppelbödig: Von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert wurde sie als Hilfstechnik zur nicht nur naturnahen, sondern exakten Nachbildung sowie zum präzisen Studium von Körperteilen genutzt, insofern aber als ein ‚nur technischer‘ Ausgangspunkt der eigentlichen künstlerischen Arbeit verstanden. Erst ab dem 19. Jahrhundert beginnt sich ein ästhetischer und diskursiver Eigenwert der Abformung zu entwickeln. Die formalen und konzeptuellen, memorialen, affektiven und erotischen Dimensionen der moulage sur nature avancieren so zunehmend zum Gegenstand und Mittel künstlerischer Auseinandersetzung. Mit dem abgeformten Körper, dem Abdruck des Echten im Künstlichen und der so fixierbaren Spur des flüchtigen Körpers ging und geht allerdings stets eine spezifische Aufladung einher: Die Präsenz des echten Körpers im künstlichen Medium produziert ein Spannungsverhältnis zwischen Vorbild und Abbild, Nachahmung und Kopie, Simulacrum, Digitalität, Aura und Spur des (verlustigen) Originals – insbesondere in einem Diskurs, in dem keine ‚originäre‘ Ordnung dieser Kategorien mehr besteht. Die Abformung figuriert so an konzeptuellen wie realen Grenzen von Organizität und Künstlichkeit, die sie aufzeigen, hinterfragen, fluide und neu verhandelbar machen kann