
Bruno Taut, Alpine Architektur, Bildtafel, 1917
An der Schwelle zum Ersten Weltkrieg erdachten sich zahlreiche Kunstschaffende eine Welt aus Glas. Immer neue theosophische,
esoterische, anthroposophische Ansätze kamen auf, einmal mehr und einmal
weniger an die Erkenntnisse der Wissenschaft oder an die Fantasie, die diese
beflügelte, gebunden. Größten Einfluss hatten technische Neuerungen auf die
wilden Ideen, die sich mit der Elektrifizierung, der Entdeckung
elektromagnetischer Wellen, mit der Möglichkeit, durch Röntgenstrahlen den
menschlichen Leib, das ‚Kunstwerk Mensch‘ zu durchleuchten, ergaben. Das
Versprechen, das überall vibrierte, war, den Körper in seinen verborgenen
Kräften zu zeigen, ganz durchlässig machen zu können. Besonders die bildende
Kunst konnte sich für diese funkelnde Tiefe der Welt zwischen technischem
Fortschritt und Theosophie begeistern und die Avantgarde stellte sich als
besonders offen für neue Konzepte im Orbit solcher Denkräume heraus: Von der
Berliner Neuen Gesellschaft bis zu
den Gruppen des Monte Verità. In
der Auseinandersetzung mit den Bestimmungen des Körpers als Vermittler
zwischen Welt und Geist nach der Wende zum 20. Jahrhundert spielten darüber
hinaus ästhetische Untersuchungen von Farbe und Licht eine übergeordnete
Rolle für die Darstellung und Verbreitung von (pseudo)wissenschaftlichen
Theorien, die nun wie Pilze aus dem Boden schossen.
Die Vorlesung beobachtet die Zeit zwischen
Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg, kreuzt die Errungenschaften von Technik
mit Möglichkeiten der Zerstörung und fragilen Gebilden aus Glas wie von Bruno
Taut und Paul Scheerbart; wir widmen uns frühen Science-Fiction Schriften
gemeinsam mit Kandinskys Über das
geistige in der Kunst; und verfolgen allerlei Konstruktionen zwischen Fortschritts-Esoterik
und Erkenntnis-Magie.
Mittwochs, 14-täg., 15:00-17:00 Uhr, KWR Pavillon
Einführung: 23.04.
Sitzungen: 30.04., 14.05., 28.05.,
11.06., 25.06., 09.07.